{"id":7,"date":"2007-01-08T13:10:31","date_gmt":"2007-01-08T11:10:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.der-napf.de\/foep\/?p=7"},"modified":"2019-01-26T23:15:31","modified_gmt":"2019-01-26T21:15:31","slug":"der-genitiv-von-arsch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/foepoek.hoddle.de\/?p=7","title":{"rendered":"Der Genitiv von Arsch"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/foepoek.der-napf.de\/bilder\/foeplogo.gif\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p><em><span style=\"font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; font-size: x-small;\">In dieser Kolumne werden Aspekte der Kultur des Ruhrgebiets unter die Lupe genommen. Das hat uns gerade noch gefehlt. Was Sie hier lesen, sollte Sie nachdenklich stimmen. Irgendjemand mu\u00df ja das L\u00e4mpchen weitertragen; denn ihm brennt bereits sehr tr\u00fcbe.<\/span><\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Der Genitiv von Arsch<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; font-size: x-small;\">&#8211; Brauchtumspflege im n\u00f6rdlichen Ruhrgebiet &#8211;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; font-size: x-small;\">Was ja nur sehr wenige Leute wissen ist, da\u00df der Genitiv von Arsch zu sein einst ein begehrtes und angesehenes Ehrenamt in der freien Reichsstadt Eickel war. Die aus dem fr\u00fchen 14. Jahrhundert stammende Wasserburg Schlo\u00df Stinkede am Rande des eickligen Stadtteils Arsch war der Ort eines allj\u00e4hrlichen Rituals, zu dem sich die wohlhabenden B\u00fcrger der ganzen Stadt einfanden. Unter sich losten sie mit einem speziellen Kartenspiel aus, wer in dem betreffenden Jahr Genitiv (von mittelniederdeutsch &#8222;g\u00ea inne tif&#8220;) sein solle: Derjenige, welcher die sogenannte &#8222;Arschkarte&#8220; zog, wurde anschlie\u00dfend unter gro\u00dfem Hallo und begleitet von viel Musik, Tanz und Gesang in den Burggraben eingetunkt.<br \/>\nGenitiv von Arsch zu sein kann im Laufe der Jahrhunderte, trotz der damit verbundenen gro\u00dfen Ehre, nicht immer ein ganz ungetr\u00fcbtes Vergn\u00fcgen gewesen sein. Als das brackige Wasser des eickligen Burggrabens im Laufe der Zeit immer mehr eindickte, kam im Volksmund daf\u00fcr die Bezeichnung &#8222;Eickelbecke&#8220; auf. Verschiedene Varianten dieser Bezeichnung sind noch heute als Familiennamen verbreitet und deuten auf Abstammung aus dem arschigen Hochadel hin.<br \/>\nAnfang des 17. Jahrhunderts wurde die Burg wiederholt von marodierenden R\u00e4uberbanden unter der Leitung des ber\u00fcchtigten Dullen Joest van Str\u00fcnkede, der seine eigene Wasserburg viel toller fand, attackiert, und schlie\u00dflich vollends geschleift, und der Burggraben zugesch\u00fcttet. Die Eickler jedoch, die das allj\u00e4hrliche Volksfest um das D\u00f6ppen des Genitivs (oder wie man in Eickel sagt: dem Genitiv sein D\u00f6ppen) inzwischen nicht mehr missen mochten, verlegten die Zeremonie kurzerhand ins eicklige Rathaus, wo zu diesem Zwecke eigens eine gro\u00dfe Holzwanne bereitgestellt wurde. Von dieser Wanne \u00fcbrigens erhielt die Stadt auch den verbreiteten Beinamen &#8222;Wanne-Eickel&#8220;.<br \/>\nEs ist \u00fcberliefert, da\u00df die versammelte Menge w\u00e4hrend der Genitiv ins kalte Wasser eingetaucht wurde im Chor auszurufen pflegte: &#8222;Trifft he gen Grund?&#8220;; worauf der Genitiv, sobald er seinen Kopf wieder \u00fcber Wasser hatte und Luft schnappen konnte, traditionell erwiderte: &#8222;Aua, hau mein&#8216; Kopp do nich au&#8217;m Boden, wat meinze wenn dat einer mit dir machen w\u00fcrde.&#8220; Auf dieses kleine Frage-und Antwort-Ritual geht wahrscheinlich die Sitte zur\u00fcck, auch heute noch nach einem &#8222;trifftigen Grund&#8220; zu fragen wenn jemand kopf\u00fcber in kaltes Wasser eingetaucht wird.<br \/>\nW\u00e4hrend der gro\u00dfen \u00d6lkrise Anfang der 70iger Jahre des 20. Jahrhunderts wurde leider die gro\u00dfe Holzwanne im eickligen Rathaus als Brennholz verfeuert. Von diesem Verlust konnte sich der Jahrhunderte alte Brauch nie mehr richtig erholen. F\u00fcr ein paar Jahre wurden alternative Beh\u00e4ltnisse f\u00fcr das traditionelle Genitiv-Eintauchen ausprobiert, aber keines davon war so recht zufriedenstellend. Die untenstehende Fotografie aus dem Jahre 1976 zeigt Bezirksb\u00fcrgermeister Herribert Schummigel beim D\u00f6ppen des Genitivs von Arsch, Herrn G\u00fcnter Lewandowski. Dies sollte das letzte Mal sein, da\u00df die Zeremonie begangen wurde.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial; font-size: x-small;\"><img decoding=\"async\" title=\"gedoeppt\" src=\"http:\/\/foepoek.der-napf.de\/bilder\/genitiv2.gif\" alt=\"gedoeppt\" \/><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial; font-size: x-small;\">Der eicklige Stadtteil Arsch wurde bei der Eingemeindung nach Herne aus Piet\u00e4tsgr\u00fcnden in &#8222;Crange&#8220; umbenannt. Der sch\u00f6ne Brauch des Genitivs ist inzwischen leider nahezu vollst\u00e4ndig in Vergessenheit geraten.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In dieser Kolumne werden Aspekte der Kultur des Ruhrgebiets unter die Lupe genommen. Das hat uns gerade noch gefehlt. Was Sie hier lesen, sollte Sie nachdenklich stimmen. Irgendjemand mu\u00df ja das L\u00e4mpchen weitertragen; denn ihm brennt bereits sehr tr\u00fcbe. 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